03.Juni:
Halb Zehn, Ankunft auf der Station. Es ist Feiertag und über mein
frühes Erscheinen ist man einerseits erstaunt und andererseits
wenig erfreut. Ich scheine so gar nicht in den morgendlichen Ablauf
zu passen. Ich berichtete, daß die Damen von der Studie mir gesagt
haben, daß ich um zehn da sein solle und nüchtern. Als die
Schwester hörte, daß ich nüchtern war, fiel sie bald
aus allen Wolken. Anscheinend hätte ich das gar nicht sein brauchen.
Ok, da bin ich wieder - Uni Klinik Tübingen, chaotisch wie immer,
es weiß die eine Hand nicht, was die andere tut. Hätte mich
auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre :-)
Die Schwester brachte mir dann freundlicherweise ein kleines Frühstück
in die Warteecke.
Ein Arzt kam zu mir und fragte mich, ob es in Ordnung wäre, wenn
sie während der OP Gewebeproben vom Fett und von der Leber entnehmen
dürften. Nur zu, wenn es was hilf.
Es dauerte nicht mehr lange und ich durfte auf das Zimmer.
Zum Mittagessen gab es nur noch zwei kleine Schälchen mit Suppe.
Meinen Apfel durfte ich nicht mehr essen. Schade. Auf den hatte ich
mich so gefreut.
Um 15 Uhr 45 bekam ich eine Literflasche voll mit Abführflüssigkeit.
Jeder erzählte mir, wie ekelig die schmecken würde. Vorsichtig
schraubte ich die Flasche auf und roch daran. Also ekelig roch das schon
mal nicht. Ich schenkte mir ein Glas voll ein und merkte schon, wie
sich automatisch der Hals zuzog, obwohl ich noch gar nicht getrunken
hatte. Vorsichtig probierte ich einen Schluck. Hey, ekelig ist anders.
Schmeckte süß-salzig mit etwas Vanillearoma, aber sehr künstlich
halt, und ein wenig nach Plastik - zumindest in meinem Mund. Allerdings:
man mußte die Flüssigkeit möglichst schnell schluckweise
innerhalb einer Stunde trinken. Und je mehr ich davon trank, desto länger
wurde der Hals. Das letzte Glas wolle schon fast nicht mehr runter rutschen.
Mehr hätte ich davon nicht trinken wollen. Aber ekelig ist wirklich
anders.
04.Juni:
Duschen, Flügelhemd anziehen und warten, warten, warten. Hunger,
Durst. Als der Durst zu unerträglich wird, nehme ich hin und wieder
einen klitze kleinen Schluck Wasser, spüle mir damit den Mund aus
und schluck das natürlich.
Ich bin ganz ruhig, versuche in mich zu horchen; nein da ist keine Angst.
Um halb drei stürzen die Pfleger ins Zimmer und verkünden:
"Es geht los". Ich bekam noch ein Tablettchen (Dormicum) und
los gings. Auf dem Weg in den OP fallen dann doch ein paar Tränen.
Ein Jahr kämpfen, ein Jahr warten - das hatte nun ein Ende, jetzt
wird es Realität. Was erwartet mich jetzt? Und doch fühlt
es sich so unreal an.
In der Schleuse dann Umsteigen auf den OP Tisch, rein in den Vorbereitungsraum
für die Narkose. Die EKG Kleber werden angebracht und der Zugang
wird problemlos gelegt, wofür ich sehr dankbar war, weil das eben
nicht immer so problemlos bei mir geht. Ich bekam Nasentropfen und einen
Betäubungsspray in den Rachenraum. Ich freute mich noch über
den grün beleuchteten OP, da ich bisher nur weiß beleuchtete
OP´s gesehen habe. Das grün beruhigte mich irgendwie. Ich
klimperte schon mit den Augen und irgendwann sind sie mir wohl auch
zugefallen.
Aufgewacht bin ich erst auf der Intensivstation, als jemand unbedingt
wollte, daß ich die Augen auf machte. Ich schüttelte aber
den Kopf weil ich wußte, daß ich diese körperliche
Übung nach einer Narkose nicht hin bekomme. Als Alternative wollte
er, daß ich seine Hand drücke. Aber gerne doch, den Wunsch
konnte ich ihn gerne erfüllen. Anscheinend war derjenige froh und
glücklich über meine Reaktion und zog ab.
Hm, ja, irgendwie spürte ich da diesen Schlauch in der Nase und
im Hals, aber ich war so müde, daß ich sofort wieder eindusele.
Dann begannen langsam die Schmerzen, die kolikartig auftraten. Es gluckerte
und rumorte in meinem Bauch, das war richtig übel. Keine Ahnung
ob es von dem Gas war mit dem sie den Bauch aufgeblasen hatten oder
ob es der Magen war. Dementsprechend lautstark gab ich meine Schmerzen
kund und wimmerte vor mich hin. Die Schwester, die sowieso schon mit
einem mürrischen Gesicht rumlief, als ob ihr eine Laus über
die Leber gelaufen sei, meinte dann etwas unwirsch: "Sie müssen
mir schon sagen was los ist, sonst weiß ich ja nicht was ich tun
soll". ? - Hä- Wie?- Noch mal! Hallo? Intensivstation, frisch
operiert, da jammert jemand, was wird derjenige wohl haben? Ich hätte
da Schmerzen im
Angebot!!!! Gegen Morgen beriet man sich und entschied, daß ich
eine Schmerzpumpe bekomme, mit der ich mir jedes mal selber was verabreichen
konnte. Ich durfte mich waschen und Zähne putzen und das Bett wurde
gemacht.
Die Schwestern waren hell auf Begeistet, wie toll ich mitarbeitete.
Gegen Mittag durfte ich wieder auf mein Zimmer.

05.Juni:
Mit der Schmerzpumpe schlafe ich viel. Ich habe nachgefragt, da ist
Morphin drin, kein Wunder also. Gegen Abend teilte ich mit, daß
ich Hunger hätte und ich bekam eine Kraftbrühe. Davon konnte
ich nur drei oder vier Löffel nehmen, dann ging nichts mehr. Ich
konnte aber nicht fest machen, ob es Schmerzen waren oder ob der Magen
voll war.
Hunger? Wie konnte das denn sein? Ich dachte, das wäre nach der
OP weg? Na mal warten, bis Dr. Meile kommt und den fragen.
06.06:
Montag. Morgens, mittags, abends Kraftbrühe. Langsam hängt
sie mir zum Hals raus. Zumal es eine mit ordentlich viel Geschmacksverstärkern
zu sein scheint, wo ich ja sowieso nicht so drauf stehe. Mich gelüstete
es nach Grießbrei oder Pudding.
Dr. Meile hat kurz vorbei geschaut und ich habe ihn gefragt, wie es
denn sein kann, daß ich Hunger habe. Er erklärte mir, daß
das Hungerhormon ja nicht ausschließlich vom Magen gesteuert wird,
sondern auch vom Gehirn und wenn man bedenke, daß ich seit Donnerstag
nüchtern sei...
Na ich bin ja mal gespannt.
07.06.:
Den ganzen Tag wieder Brühe, aber mittags und Abends gibt es einen
kleinen Tetrapack Apfelsaft dazu. Hmmmmm, schmeckt das lecker...
08.06.:
Frühstück. Hurra! Es gibt ungesüßten Schokoladenpudding
und Birnenmus. Das Birnenmus schien mir allerdings von rohen Birnen
gemacht zu sein, es war sehr grieselig. Ich brauchte ca. eine halbe
Stunde um von beidem etwas weniger als die Hälfte zu essen. Immer
wieder krampfte sich der Mageneingang zusammen, das tat höllisch
weh.
Trinken ging heute gar nicht. Dauernd hat der Magen gekrampft.
Morgens kam die Pumpe weg, statt dessen krieg ich das Mittel jetzt in
Tablettenform.
Zum Mittag gab es Kartoffelpüree und Tomaten-Basilikumsoße,
die sehr widerlich geschmeckt hat, wieder sehr nach Geschmacksverstärkern.
Vom Püree konnte ich grad mal 1 Eßl. voll essen, dann hatte
ich solche Schmerzen, da wollte ich freiwillig nicht mehr.
Den Fruchtjoghurt habe ich Nachmittags gegessen und der ging einwandfrei.
Abends gab es wieder Brühe und Birnenmus.
Beim Abenddurchgang vom Pflegepersonal hatte ich ein Gespräch mit
dem Pfleger, der mir dann erklärte, wenn der Magen voll sei, würde
sich um den Magenpförtner so etwas wie ein Band legen und sich
zuziehen und das könne mitunter sehr weh tun. Oha, diese Beschreibung
paßt ja zu meinen Schmerzen, die ich beim Essen immer hatte. So
langsam begriff ich, auf die Signale zu hören. Ich durfte jetzt
also nicht mehr auf das alt gewohnte Sättigungsgefühl warten.
Sondern der Magen beginnt zu schmerzen, wenn er voll ist. Aha! Das heißt
also, ich muß die Menge heraus finden, vorher aufzuhören,
bevor er schmerzt.

09.06.:
Mittwoch. Wiegen. 4,7 Kilo weniger, in sechs Tagen. Hammer.
Zum Frühstück gab es Vanillepudding mit Apfelmus. Das liebe
ich ja sowieso. Mittags wieder Kartoffelbrei mit einer ebensolchen komischen
wie widerlichen Soße. Vom Brei konnte ich wieder nicht so viel
essen. Abends gab es Grießbrei. Man wie lecker ist das den. Aber
drei, vier Löffel und aus. Irgendwie komm ich da noch nicht so
ganz klar mit. Denn der Kopf möchte das Schälchen gerne leer
essen, aber der Magen kann das ja nicht mehr. Die ersten beiden Tage
habe ich den Pudding noch "gebunkert" und bis zum anderen
morgen aufgehoben, bis ich dann begriffen haben, daß ich ihn nicht
werde essen können.
10.06.:
Donnerstag. 1,4 kg abgenommen. Jetzt geht das aber fix hier.
Die Krämpfe werden immer weniger und ich fühle mich schon
wieder so gut, das ich zum ersten mal den Drang verspürte, wieder
nach Hause zu wollen.
11.06.:
Freitag. Heute geht es nach Hause. Schnell noch mal auf die Waage. Heute
waren es "nur" 800 Gramm, aber insgesamt in der einen Woche
habe ich jetzt neun Kilo weg. Wenn das kein Hammer Ergebnis ist, weiß
ich auch nicht.
Zu Hause angekommen noch schnell zum Arzt, das Medikament geholt, in
die Apotheke das Rezept eingelöst und dann nix wie nach Hause.
Es ist fürchterlich schwül. Ich esse ein halbes Babygläschen
und gehe stehenden Fußes ins Bett. Gerade eingeschlafen geht schon
das Telefon. Gehe aber nicht dran, sondern schlafe mich erst mal aus.
Nachmittags drei/vier Telefonate geführt, aber das hat mich so
angestrengt, das ich abends um neuen ins Bett bin.

12.06:
Das Tilidin macht tierisch Durchfall. Muß am Montag sehen, daß
ich ein anderes Medikament bekomme. Wenn es einem sowieso schon auf
dem Magen nicht gut ist und dann noch der Darm quer treibt, da fühlt
man sich ja richtig krank. So hatte ich mir das ja nicht vorgestellt,
zumal ich ja schon auf dem Weg der Besserung war.
19.06.:
. Es hat sich mit der OP einiges verändert, das spüre
ich. Ich spüre auch, daß ich mich noch einmal von der einen
oder anderern Person trennen werde. Ich bin innerlich ruhiger als je
zuvor. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen, denn ich habe mir bewiesen,
was alles in mir steckt und was ich zu tun vermag. Und Menschen, die
vor der OP schon nicht mehr so richtig zu mir gepaßt haben, tun
es jetzt erst recht nicht mehr.
Ich schaffe es immer besser, das kleine zwicken im Magen, das mir das
Sättigungsgefühl signalisiert, rechtzeitig zu erkennen und
somit die Schmerzen zu vermeiden, wenn der Kopf mal wieder meint, das
dieser eine Happs doch noch geht. Der Magen hat jetzt die Kontrolle
übernommen!
Etwas Kopfzerbrechen macht es mir schon, wie ich als Singel mich in
Zukunft ernähren soll oder will. Am Montag habe ich mir eine kleine
Scheibe Fleischkäse gekauft,pürriert; sechs kleine Kartoffel
(in Golfballgröße) abgekocht und Brei gemacht, eine handvoll
Möhren/Erbsen gekocht und ebenfalls pürriert. Heute ist bereits
Freitag und ich esse immer noch an dieser selbst winzigen Menge. Jeden
Tag praktisch von jedem nicht mal einen Eßlöffel voll.
Heute sind es zwei Wochen nach der OP, Gewichtsverlust 12,6 Kilo. Am
Montag habe ich angefangen, abends statt einer Mahlzeit einen Eiweißshake
zuzuführen. Denn durch den schnellen Gewischtsverlust geht das
auch schnell an die Muskeln. Nun geht es mit dem Abnehmen etwas langsamer,
dafür ist das Schwächegefühl nicht mehr so extrem. Am
Montag wäre ich beinahe zusammengeklappt, weil ich mich so schwach
und ausgelaugt fühlte. Und satt macht der Shake außerdem
auch noch. Allerdings kann ich nur ne halbe Portion trinken, da er mir
sonst den ganzen Abend im Hals hängt.
Das sind eben alles Dinge, die man im Laufe der Zeit herausfindet.
Trinken klappt prima. Am besten gut verdünntes Apfelsaftschorle
ohne Kohlensäure und Tee. Kaffee hab ich mal versucht, aber an
den komm ich irgendwie nicht mehr dran. Den will mein Magen irgendwie
(noch?) nicht.

22.06.:
Ich lerne immer besser, auf die Signale meines Magens zu hören.
Hin und wieder passiert es mir doch noch, daß ich zu schnell und
zu viel esse, aber das muß ich relativ schnell büßen.
Statt dessen esse ich nun lieber fünf bis sechs mal. Trinken klappt
zu Haue gut. Wenn ich unterwegs bin eher nicht. Warme Speisen gehen
immer besser. Kaffee habe ich inzwischen auch mal wieder probiert und
mit viel Milch ist es ok.
Mein Geist ist klarer und mein Tempo in allem was ich tue ist deutlich
verlangsamt. Das Überdrehte ist raus. Ich bin überlegter,
besonnener und klarer. Es ist wirklich so, daß ein neuer Lebensabschnitt
begonnen hat.
Heute
morgen hat mich meine Waage zum ersten mal seit langer Zeit wieder herzlich
aufgenommen. Huhuuuuu....
14 Kilo in 18 Tagen. Ich spüre es jeden Tag, wie ich leichter werde.
Kaum vorzustellen, wenn ich mal nur noch die Hälfte wiege.
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