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Mit
diesem Tagebuch möchte ich aufzeigen, wie lang und beschwerlich der
Weg sein kann von der Entscheidung, sich einer Magenoperation zu unterziehen
bis hin zu dem Tag, wo es endlich soweit ist und das Leben danach. Denn
das, was in den Medien gezeigt wird, ist oft nur ein Bruchteil dessen,
was Wirklichkeit ist und zeigt doch eher die schönen und angenehmen
Seiten einer Magenoperation. Außerdem handelt es sich ausschließlich
um meine persönlichen Empfindungen und Wahrnehmungen.
Anfang
2009:
Ich
bin wieder voll in meinem alten Esstrott drin. Alles was ich 2006 in
der Klinik gelernt habe, scheint wie weg geblasen zu sein. Ich komme
gegen die abendlichen Eßattacken nicht mehr an, höre auf,
mich dagegen zu wehren. Allerdings merke ich auch, daß mein Körper
mit den nun mehr zwanzig Kilo, die ich seither wieder zugenommen habe,
schwer zu kämpfen hat. Rücken-, Knie-. Hüft- und Fußgelenkschmerzen
sind Tageweise kaum auszuhalten. Starke Schmerzmittel lindern nur noch,
weg gehen tun die Schmerzen nicht mehr.
Ich weiß, daß ich etwas ändern muß. Ich weiß
aber auch, daß nach dreißig Jahren unzähliger Versuche
abzunehmen, ich es alleine auf Dauer nicht mehr schaffe. Entweder muß
ein dauerhafter Klinikaufenthalt her, der über mehrere Monate geht
und ein bestimmtes Konzept beinhaltet - oder eine Magenoperation. Gegen
diesen Gedanken habe ich mich jahrelang gewehrt. Doch nun nahm er immer
mehr ernsthaftere Formen an. Denn die vielen Klinikaufenthalte haben
mir ja nicht wirklich geholfen, bzw. nur kurzfristig.

April
2009:
Ich
gehe zu meiner Hausärztin und erzähle ihr von meinem Gedanken,
mich eventuell einer Magenoperation zu unterziehen. Sie berichtet mir
von einer Adipostitas-Plattform in Tübingen.
Zu Hause suche ich mir die Telefonnummer heraus und mache einen Beratungstermin
aus.
Ich möchte mich einfach erst mal nur informieren, was für
Möglichkeiten es gibt und welche Art bei mir in Frage käme.
Je nachdem was ich dort erfahre, werde ich mir weitere Gedanken machen.

Mai
2009:
Bei
dem Termin werde ich zusammen mit noch drei anderen übergewichtigen
Patienten zu Dr. Kramer in ein Behandlungszimmer gebeten. Dort stellt
er sich und die Adipositas-Plattform Tübingen kurz vor. Der Mann
ist mir sympathisch, er hat eine sehr liebe Art und ich habe sofort
das Gefühl, er meint was er sagt und das es ihm wirklich am Herzen
liegt, uns Adipösen zu helfen.
Dr. Kramer stellt die verschiedenen Operationsmöglichkeiten vor:
Magenband, was man aber heute nicht mehr so gerne macht. Der Magenballon,
der aber nur ein halbes Jahr im Magen bleiben darf und dann wieder entfernt
werden muß. Die Sleeve Gastrektomie - sprich, ein Schlauchmagen,
bei dem der Großteil vom Magen entfernt wird und der Magen Bypass,
bei dem der Magen ebenfalls ein Stück verkleinert und ein Teil
des Dünndarmes übergangen wird, um somit noch mehr (und radikaler)
abzunehmen.
Von allen möglichen Operationsmethoden erschien mir die Sleeve-Gastrektomie
noch am sinnvollsten und logischsten. Jedoch wollte ich noch mehr Informationen
haben über das Leben danach. Doch selbst ein anschließend
kurzes, persönliches Gespräch mit Dr. Kramer brachte nicht
die gewünschte Informationen. Dafür war die Zeit zu kurz.
Ich bekam die Internetadresse des Plattformeigenen Forums mitgeteilt,
zu dem man sich aber ein Paßwort geben lassen mußte. Gleichzeitig
erhielt ich den Patienten-Pass. Im Falle ich mich für den durchlauf
der Plattform entscheiden sollte, waren hier alle Stationen aufgeführt,
die man nach und nach zu absolvieren hatte:
- Sportmedizin
- Gastrointesterales Funktionslabor
- Stoffwechselkrankheiten und Endokrinologie
- Ernährungs- und Diätberatung
- Psychosomatische Medizin
- Anästhesie (vor der OP)
Nach
durchlauf sämtlicher Stationen meldet man sich bei der Chefsekretärin
für die Konferenz an. Diese trifft sich ein mal im Monat und entscheidet
dann, ob operiert wird oder ob es andere Maßnahmen geben könnte,
Gewicht zu reduzieren.

Juni
2009:
Ich
bekomme immer mehr Informationen seitens der Patienten aus dem Forum.
Anfänglich habe ich das Gefühl, in eine Sekte geraten zu sein.
Alles wird sehr positiv betrachtet und nur das Gute hervorgehoben. Kritische
Fragen oder Bedenken meinerseits wurden immer im Keim erstickt und mit
positiven Gegenargumenten beiseite geschoben. Ich bleibe trotzdem kritisch.
Zu lange habe ich schon Therapie gemacht, als das mir nicht klar wäre,
daß jede Medaille zwei Seiten hat.
Die
Sportmedizin war für mich relativ schnell gelaufen. Auf dem Laufband
habe ich nicht mal die zweite Stufe zu ende geschafft. Schmerzen in
der Hüfte und Atemlosigkeit brachten mich nach knapp 15 Minuten
an meine Grenze.
Die Untersuchung im Gastrointesteralen Funktionslabor war ekelig. Einzelheiten
möchte ich hier nicht erzählen, denn jeder empfindet das anders.
Mitpatienten erlebten diese Untersuchung weit weniger dramatisch als
ich. Doch mir war klar: wenn ich die OP haben will, muß das nun
mal sein. Und es ist ja nur einen kurzen Moment.
Zu diesem Zeitpunkt war ich mir immer noch nicht zu hundert Prozent
im Klaren war, ob ich diese Operation überhaupt haben möchte.
Das war definitiv nur die Angst vor Veränderung.
Aber
mir war ja klar: ob mit oder ohne OP - es wird eine Veränderung
geben müssen, um dauerhaft von dem Gewicht runter zu kommen. Und
mir war auch klar, daß die OP niemals die Endlösung ist,
sondern nur ein Hilfsmittel, schneller und effektiver ans Ziel zu kommen.
Jedoch nutzt auch die OP nichts, wenn ich das erlernte aus der Ernährungsberatung
nicht in die Tat umsetzte.

August
2009:
Ich
bin fertig mit den ganzen Untersuchungen, melde mich zur Konferenz an.
Jetzt heißt es warten. Jedoch beschleicht mich ein seltsames Gefühl
...
Immer hinterfrage ich mich selbst, ob ich das wirklich will. Dann habe
ich wieder Tage, wo es mir körperlich sehr schlecht geht und mir
wieder bewußt wird, daß es so nicht weitergehen kann. Aber
ich komm gegen das Loch im Bauch nicht an und es muß etwas passieren.

Oktober
2009:
Nachdem
es mir in die Septemberkonferenz nicht gereicht hat, bekam ich im Oktober
den erlösenden Anruf. Jedoch fiel er nicht zu meinen Gunsten aus
und mein seltsames Gefühl bestätigte sich.
Alle, bis auf die Psychosomatik stimmten der Operation zu. Die Psychosomatik
sah allerdings "Gefahrenpotential", zu wenig Selbstbewußtsein,
zu viel psychische Probleme. Hallo? Haben die nicht alle Adipösen
irgendwie? Sonst wären wir wohl kaum so dick.
Ich machte einen neuen Termin zur Besprechung in der Psychosomatik aus.
In der Zwischenzeit besprach ich die Situation mit meinem Therapeuten.
Dieser schrieb mir eine Zusammenfassung der letzten 1 1/2 Jahre meiner
Entwicklung. Wow! Ich war selbst überrascht. Ein Quantensprung.
Selbst von Jahresbeginn bis jetzt.

November
2009:
Im Forum
gibt es Reibereien. Die Leute kommen mit meiner kritischen Sichtweise
nicht mehr zurecht und ich nicht länger mit diesem "rosaroten-Brillen-Schema".
Bereits operierte beobachtend, zeigt es mir, daß meine Kritik
nicht ganz unbegründet ist und war. Manche schaufeln genauso wie
vorher das Essen in sich rein - Projekt zum scheitern verurteilt (meiner
Meinung nach).
Erneuter Termin in der Psychosomatik. Das Gespräch verläuft
ruhig und relativ kurz. Ich mache klar, daß ich keinen Sinn in
einem erneuten Klinikaufenthalt sehe. Eßanfälle würde
ich eher unter Kontrolle halten, da ich ja unter ständiger "Beobachtung"
seitens der Patienten und des Klinikpersonals stehen würde. Außerdem
gehe ein Klinikaufenthalt für mich am Thema vorbei.
Klinik ist für mich wie Urlaub. Da ich einen sehr guten Therapeuten
an der Hand habe, mich dort gut aufgehoben fühle, möchte ich
nichts Neues mehr anfangen und meine Problematik vor Ort bewältigen.
Termin beendet.
Ich würde Bescheid bekommen.
Immer
noch war ich mir nicht sicher, ob ich die OP wirklich wollte. Zu sehr
war mir bewußt, daß es eine alles entscheidende Maßnahme
sein wird. Nicht mehr rückgängig zu machen. Was immer auch
die positiv- wie die negativfolgen sein werden - ich werde damit leben
müssen. Natürlich denke ich auch daran, was wieder alles möglich
sein wird.
Dennoch ist die Angst vor den nicht überschaubaren Konsequenzen
sehr groß. Kontrollverlust...
Ein
Anruf von der Psychosomatik. Die Ärztin wollte mir persönlich
mitteilen, daß sie sehr beeindruckt wäre von meiner Entwicklung
(in der Tat: es hat sich sehr viel verändert im letzten halben
Jahr) und das sie von einem Klinikaufenthalt absehen. Somit würde
auch sie der Operation zustimmen.
Irgendwie freue ich mich über diese Nachricht.

Dezember
2009:
Ein
Anruf aus der Klinik. Die Konferenz ist durch. Sie haben EINSTIMMIG
beschlossen, mich zu operieren.
Ich erlebe ein Wechselbad der Gefühle. Natürlich freue ich
mich. Andererseits schnürt es mir den Hals zu. Jetzt wird es langsam
ernst. Es fühlt sich alles so unwirklich an.
Es wird ein Termin vereinbart, um den Antrag zur Kostenübernahme
bei der Krankenkasse zu stellen. Mitte Januar. Mein Gott, das ganze
zieht sich aber auch...
Aber: jetzt bin ich mir sicher! Ich will die OP. Mir wird immer klarer,
daß es gut so ist, wie es ist. Alles muß reifen. Die Entscheidung,
sich operieren zu lassen ist das eine. Sich über die Folgen und
die Konsequenzen Gedanken zu machen, ist das andere. Und ich denke,
da scheitert es bei vielen. Die denken nicht viel über die Konsequenzen
einer solchen Operation nach. Und Konsequenzen wird es haben, im Guten
wie im Schlechten.
Seire
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