Achtung!
Jetzt mit Seitennavigation!
S E E L E N H U N G E R

          Zeitungsartikel         

                               

 


 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie eine Magenverkleinerung gegen Übergewicht hilft

Magenverkleinerungen oder ein Magen-Bypass gelten als letzter Schritt: Wenn alle anderen Wege zur Gewichtsreduzierung fehl geschlagen sind. Am Tübinger Uni- Klinikum entscheiden sich fast hundert übergewichtige Patienten jährlich für eine solche Operation.


Lebens- und Leidensgeschichten können Menschen erzählen, die seit frühester Kindheit extrem dick sind. Manche entscheiden sich am Ende für einen chirurgischen Eingriff. Bild: Fotolia
Tübingen. „Eigentlich bin ich eine starke Persönlichkeit“, sagt Regine Schmid (Name von der Redaktion geändert). Und wie sie das sagt, hört man heraus, dass diese Frage sie ihr Leben lang verfolgt hat: Warum gelang es ihr, die doch durchaus willensstark ist, nicht abzunehmen? Schwäche, mangelnde Disziplin – das lebenslange Vorurteil gegenüber allen Dicken: irgendwann setzt es sich im Gehirn fest, als nagender Selbstzweifel, der einen schließlich nur in die nächste Sackgasse rennen lässt: in die nächste Diät.


Tobias Meile

Und es gibt keine Diät, die Regine Schmid nicht ausprobiert hätte – oft zusammen mit ihrem Mann Martin, der ebenfalls starkes Übergewicht hat. Regine Schmid hat auf Kohlenhydrate verzichtet, die Glyx-Diät ausprobiert, auf Apfelessig geschworen und FDH praktiziert. „Wenn alle Kilos, die wir schon abgenommen haben, weg geblieben wären, würde es uns schon lange nicht mehr geben.“ Aber die Kilos kamen wieder – der klassische Jojo-Effekt. Zuletzt hatte Regine Schmid über ein halbes Jahr hinweg bei Weight Watchers 15 Kilo abgenommen. Und in den zwei Monaten danach 20 Kilo zugenommen. Das war vor einem Jahr: Der Körper der 34-Jährigen wog zu diesem Zeitpunkt 200 Kilo. Ihre Seele befand sich „in einem tiefen schwarzen Loch“. Damals reifte in ihrem Kopf der Entschluss: Sie will sich operieren lassen.

Dr. Tobias Meile leitet am Tübinger Uni-Klinikum die Adipositas-Chirurgie. Etwa hundert extrem adipöse (stark übergewichtige) Patienten werden hier pro Jahr operiert. Das Einzugsgebiet der Tübinger Klinik reicht bei diesen Operationen von Stuttgart bis in den Schwarzwald.

Die Empfehlung zu einer Magenverkleinerung oder einem Magen-Bypass stehe allerdings erst am Ende eines längeren Entscheidungs- und Diagnoseprozesses. Die Patienten werden auf Stoffwechselerkrankungen untersucht, haben Gespräche mit Ernährungstherapeuten, Psychotherapeuten und Sportmedizinern. Am Ende entscheidet eine interdisziplinäre Konferenz aus Ärzten und Therapeuten, ob dem Patienten zu einer Operation geraten wird, und wenn ja, zu welcher (siehe: „Chirurgische Eingriffe bei starkem Übergewicht“).

Seine Patienten hätten fast alle eine Odyssee hinter sich, erzählt Tobias Meile. Viele seien schon als Kind stark übergewichtig gewesen und wurden gehänselt. In der Pubertät und als junge Erwachsene kommen noch ganz andere Probleme dazu: Viele finden keinen Partner, manchen wird bei Bewerbungsgesprächen für Lehrstellen oder Jobs offen gesagt, dass sie mit ihrem Übergewicht keine Chance hätten.

Anfangs wollte sich nur Regine Schmid operieren lassen. Eine starke Motivation für die junge Frau: „Ich möchte gerne ein Kind bekommen.“ Denn Adipositas ist häufig mit Hormonstörungen und mit Störungen des weiblichen Zyklus verbunden. Bestärkt in ihrer Entscheidung für eine Magenverkleinerung fühlte sich Schmid, nachdem sie mit anderen Patienten gesprochen hatte, die sich in Tübingen zu einer Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen haben. „Wir haben zwei Frauen, die jetzt Kinder bekommen haben.“

Darüber hinaus fühlten sie und ihr Mann sich im Alltag doch merklich eingeschränkt. Ein Bauchumfang von anderthalb Meter ist ständig im Weg: etwa wenn man sich nach einem Kuli oder zum Schuhe anziehen bücken will. Aber auch bei der täglichen Körperpflege. Zudem litten beide an Begleiterkrankungen: Bluthochdruck, Diabetes und Gelenkerkrankungen. Beide leben seit ihrer Kindheit mit starkem Übergewicht. Regine Schmid war schon mit fünf Jahren in der ersten „Erholungskur“. Ihr Mann, mit dem sie seit sechs Jahren verheiratet ist, war als Siebenjähriger in seiner ersten Kur.

Am Ende entschieden sich beide für eine Schlauchmagen-Operation. „Man will ja noch eine Weile leben“, sagt Regine Schmid.

Adipositas ist schon lange keine Randerscheinung mehr, sagt der Chirurg Tobias Meile. „Das Thema betrifft 20 Prozent der Bevölkerung.“ Dabei sind fünf Prozent so stark übergewichtig, dass eine Operation ernsthaft in Erwägung gezogen werden sollte, um schwerwiegende Folgeerkrankungen aufzuhalten, sagt Meile. Denn bei einem Bodymass-Index von über 40 könne man mit Ernährungsumstellung und Diät allenfalls erreichen, sein Gewicht zu halten. So viel abzunehmen, um den Körper ernsthaft zu entlasten, sei realistisch betrachtet kaum noch möglich.

Nach der Operation ist der Hunger weg
Nach einer Magenverkleinerung wie bei Regine und Michael Schmid können die Patienten nur noch kleine Mengen essen. Der auf ein Volumen von etwa hundert Milliliter verkleinerte Magen fasst noch etwa ein belegtes Brötchen. Oder ein kleines Filet. Oder eine Kinderportion Auflauf. Und vor allem: Der Hunger ist weg. Denn der gefüllte, verkleinerte Magen sorgt für ein Sattheitsgefühl, obwohl man nur Mini-Portionen zu sich genommen hat.

Nehmen die Patienten so im Laufe des Tages drei Mahlzeiten zu sich, auch mal eine Zwischenmahlzeit, verlieren sie im ersten Jahr nach der Operation etwa 60 bis 70 Kilogramm Gewicht, sagt Meile. „Man kann natürlich auch das aushebeln“, weiß Meile. Wer seinen verkleinerten Magen mit Trinkschokolade und Softeis füllt, wird kaum Gewicht verlieren. „Ein Schlauchmagen zählt ja keine Kalorien.“ Oder, wie Regine Schmid in der Selbsthilfegruppe gelernt hat: „Man wird ja nicht am Kopf operiert.“ Die entsprechende Lebenseinstellung und den Willen zu gesunder Ernährung müsse man schon selber mitbringen.

(Quelle: Schwbisches Tageblatt vom 22.08.2011)

 

 

Zurück zur Link-Seite